Neues Zuhause mit besonderer Wärmeversorgung
Sebastian Kleine-Vogelpoth blickt von der Terrasse seines Neubaus zufrieden über ein Maisfeld hinweg auf eine Kuhweide, viel Himmel, viel Grün. „Wir haben etwas Ländliches gesucht, es aber nirgendwo gefunden“, erzählt der Bauherr, der davor in Oberhausen gewohnt hat. Dann ist er auf das Projekt im Neubaugebiet in Schermbeck‑Spechort gestoßen – ein Quartier, das für ihn nicht nur die gewünschte Lage, sondern auch ein besonderes Energiekonzept mitbrachte: ein kaltes Nahwärmenetz, das die Häuser mit Wärme versorgt und im Sommer zur Kühlung beitragen kann.
Geplant wurde das Projekt in Schermbeck von der GELSENWASSER AG, gebaut hat es die GELSENWASSER Energienetze GmbH im Auftrag der Gemeindewerke Schermbeck, die als Investor und Betreiber des Wärmenetzes auftreten. Kleine‑Vogelpoth kennt das Projekt deshalb aus zwei Perspektiven: Er ist nicht nur Bauherr und Wärmekunde, sondern arbeitet bei der GELSENWASSER‑Tochter Erenja. Ende Juni ist er mit seiner Familie eingezogen – genau während einer Hitzewelle. „Weil da die Wärmepumpe noch nicht angeschlossen war, konnte ich die Kühlfunktion leider noch nicht testen“, erzählt er mit einem Schmunzeln.
Wie kalte Nahwärme funktioniert
Anders als klassische Fernwärme transportiert kalte Nahwärme kein heißes Wasser in die Gebäude. Stattdessen zirkuliert im Netz ein Wärmeträgermedium (Sole), das die im Erdreich, Grundwasser oder in Fließgewässern gespeicherte Wärme mit Temperaturen nahe der Umgebungstemperatur von 0 °C bis 25 °C aufnimmt. Im Haus hebt eine kleine strombetriebene Sole-Wasser-Wärmepumpe das Niveau dann auf die benötigte Temperatur für Heizung und Warmwasser an. Der Vorteil aus technischer Sicht: „Die Temperaturen der Wärmequellen liegen im Winter höher als die der Außenluft. Deshalb sind diese Netze effizienter als zum Beispiel Luft-Wasser-Wärmepumpen und können so einen erheblichen Teil der bereitgestellten Energie aus lokalen Umweltquellen beziehen“, erläutert Dr.-Ing. Christian Ontyd, Gruppenleiter Wärmenetze bei der GELSENWASSER AG.
Was für die neuen Bewohner zählt
Für Bauherren wie Sebastian Kleine‑Vogelpoth ist vor allem entscheidend, wie sich die Lösung im Alltag anfühlt. Sein Eindruck: Der Anschluss an die Nahwärme sei unkompliziert verlaufen, hinzu komme der Komfort im Betrieb: Wartungstermine organisieren, Monteure beauftragen, bei Störungen hinterhertelefonieren, unerwartete Reparaturkosten – all das würde es für ihn nicht mehr geben: „Wenn in drei Jahren etwas kaputtgeht, muss ich nicht selbst mehrere Tausend Euro auf den Tisch legen“, sagt er. „Dann rufe ich einfach die Gemeinde oder direkt den Installateur an und gebe die Verantwortung damit ab – die kümmern sich darum, dass alles wieder läuft.“
Contracting – Wärmelösung als Gesamtpaket
Der „einzige Haken“, sagt Kleine‑Vogelpoth rückblickend, war für ihn, dass er die Wärmelösung nicht völlig frei wählen konnte. Denn im neuen Quartier ist der Anschluss an das Wärmenetz vorgesehen. Für seine Familie war das Contracting‑Modell der Gemeindewerke nach einer Kostenberechnung aber gut vertretbar, zumal Lage und Grundstückspreis gestimmt haben. Bei dem Nahwärme-Contracting der Gemeindewerke ist die Wärmeversorgung über einen einmaligen Anschlusskostenbeitrag und einen monatlichen Grundpreis abgedeckt. Betrieb und Wartung der Wärmepumpe sind Teil des Gesamtpakets. Und die Stromkosten für sein kleines 5-kW-Gerät, das 164 Quadratmeter Wohnfläche und 78 Quadratmeter beheizten Keller versorgt, schätzt Kleine‑Vogelpoth im gut gedämmten Neubau als eher gering ein.
Tiefenbohrungen für neues Wohnquartier in Schermbeck
Im März 2024 starteten die Bohrungen im Neubaugebiet Spechort – im Dezember 2025 wurde das erste Wohngebäude an das rund 600 Meter lange kalte Nahwärmenetz angeschlossen. Planung und Bau des Projekts waren nicht ohne. Zum einen liegt das Quartier am äußersten Rand eines Einzugsgebiets einer Trinkwassergewinnungsanlage, was langwierige Verhandlungen mit den Behörden für eine wasserrechtliche Genehmigung zur Folge hatte. Zum anderen gab es nicht viele Grünflächen für Geothermie – die Sonden mussten daher teilweise im Straßenbereich gesetzt werden, was zusätzlichen Abstimmungsaufwand mit den Tiefbauunternehmen bedeutete.
Linnich‑Süd: Kalte Nahwärme mit Flusswärme‑Perspektive
Während in Schermbeck bereits die ersten Familien im Quartier wohnen, entsteht im Entwicklungsgebiet Linnich‑Süd im Kreis Düren ein deutlich größeres Projekt auf Basis kalter Nahwärme. Auf rund 19 Hektar sind dort fast 300 Bauplätze geplant, die später über ein gemeinsames Wärmenetz versorgt werden sollen. Die Wärme kommt aus Tiefensonden im Erdreich, perspektivisch wird über einen Wärmetauscher zusätzlich Flusswärme aus dem Mühlenteich, ein von der Rur abgezweigter Bach, eingebunden. „So lässt sich das Netz übers Jahr hinweg effizient betreiben – die Geothermiesonden sind eine effiziente Wärmequelle bei niedrigen Außentemperaturen, die Flusswärme ist vor allem in Übergangszeiten mit milderen Temperaturen technisch gut nutzbar“, erklärt Christian Ontyd.
Heizen und Kühlen im selben System
Im Sommer kann das kalte Nahwärmenetz auch zur Temperierung der Gebäude genutzt werden: Die vergleichsweise kühle Sole aus den Sonden zirkuliert durch das Quartier und senkt die Innentemperaturen. Gleichzeitig „regenerieren“ sich die Sonden, weil dem Erdreich weniger Wärme entzogen und teilweise sogar wieder zugeführt wird – die Wärmequelle erholt sich also und steht in der nächsten Heizperiode mit günstigem Temperaturniveau zur Verfügung.
In Linnich bilden die Stadt und ein Tiefbauunternehmen eine Entwicklungsgemeinschaft: Sie besitzen die Grundstücke, erschließen das Gebiet und haben die Wärmeversorgung für das Quartier ausgeschrieben. So ist GELSENWASSER in das Projekt eingestiegen.
Aktuell werden die Erdsonden gebohrt, der physische Netzbau startet im August. Weil das Gebiet sehr groß ist, wird die Tiefbauerschließung voraussichtlich Ende nächsten Jahres abgeschlossen sein – die Bebauung der Grundstücke ist ab 2028 vorgesehen.
Das Projekt wird über die BAFA gefördert – dort über die „Bundesförderung für effiziente Wärmenetze“ (BEW), während Schermbeck zuvor vom Programm „Wärmenetze 4.0“ profitierte.